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Across the globe – Global Delivery: Erfahrung aus über einem Jahr Mitarbeit in einem Off-Shore Projekt

Veröffentlicht am 30.06.2015 von Andreas Pohl , Global Delivery

In immer mehr Projekten wird die Entwicklungsarbeit an IT-Firmen in Indien abgegeben. Dieses Outsourcing birgt neben den vielen Vorteilen auch einige Herausforderungen, denen wir uns gestellt haben und immer noch stellen.

Global Delivery und die damit verbundene Fähigkeiten, gleichzeitig Kosten zu senken und den Projektoutput zu steigern, ist eine Modell, das in den letzten Jahren und fast schon Jahrzehnten den Alltag und die Vorgehensweise in IT-Projekten prägt.

Neben den vielen Vorteilen wie:

- Hohe Verfügbarkeit von sehr gut ausgebildeten Fachkräften und IT Spezialisten
- Die Kombination aus On-Site- und Off-Shore-Ressourcen ermöglicht ein attraktives Preismodell.
- Erhöhte Kapazität durch “Follow the sun” Ansatz und der damit deutlich verlängerte Projektarbeitstag aufgrund der Zeitverschiebung innerhalb der Zeitzonen
- Erhöhung der Flexibilität und Fähigkeit, schneller auf Kundenwünsche und sich verändernde Märkte einzugehen

muss man sich der Herausforderungen bewusst sein, die solch ein komplexes Arbeitsumfeld mit sich bringt.

Vor circa eineinhalb Jahren wurde begonnen, in die Entwicklung eines der Projekte, an dem wir maßgeblich mitwirken, Off-Shore-Kollegen in Indien einzubinden.

Ziel war, innerhalb von sechs bis neun Monaten das Projektwissen an die Kollegen aus Indien zu übergeben und sie damit zu befähigen, die Entwicklungsaufgaben fortzuführen. Aufgrund der Komplexität des Projektes und der ständigen rasanten Neu- und Weiterentwicklung gibt es immer wieder Bereiche, die neu erschlossen und auch gemeinsam erarbeitet werden müssen. Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, haben wir den Projektentwicklungslebenszyklus (SDLC) innerhalb des Projekts angepasst und agiler gestaltet. Über neu eingeführte Discovery Tracks besteht vor jedem Entwicklungsstrang die Möglichkeit, Wissen zu erneuern oder komplett neu aufzubauen.

Technisch gesehen macht es in der heutigen Zeit keinen großen Unterschied, wo man selbst und wo die Kollegen arbeiten. Mit WebEx und Telefon/Video-Konferenzen ist auch eine Zusammenarbeit über Kontinente kein unlösbares Problem mehr, und die technische Ausstattung auf indischer Seite ist zum Teil sehr beeindruckend.

Für die Anfangszeit ist es aber immer gut, auch persönlichen Kontakt zu haben, und so sind ein Teil der indischen Kollegen für ein paar Wochen nach Deutschland gekommen, um sich bei uns einzuarbeiten und die Gegebenheiten besser zu verstehen.

Interkulturelle Missverständnisse

Die ersten Herausforderungen zeigten sich dann sehr schnell in der Kommunikation miteinander. Nachdem man sich nach anfänglichen Schwierigkeiten an die unterschiedliche Aussprache des Englischen gewöhnt hatte, musste man feststellen, dass manche Missverständnisse nicht nur an der Fremdsprache lagen.

Hier ein paar Beispiele:

Jedem seine Zeit:

Auf deutscher Seite wird davon ausgegangen, dass ein Termin eine feste Verabredung ist. In Indien dagegen ist es ein “Ungefähr”, um allen Teilnehmern die Zeit zu geben, die sie brauchen, und so ist es nicht ungewöhnlich, wenn solche Termine deutlich später losgehen als vorher geplant.

Der Wissende hat immer Recht:

All das Wissen, das man weitergibt, wird aufgesogen, ohne etwas in Frage zu stellen. Um sicherzugehen, dass die Erklärungen auch verstanden werden, sollten immer konkrete Rückfragen gestellt werden, um eventuelle Missverständnisse auszuschließen.

Der Chef (Vorgesetzte) hat immer Recht:

Die Herangehensweise und Vorbereitung einer Entwicklungsaufgabe, wie sie zuvor im Projekt gehandhabt wurde, musste komplett überarbeitet werden. Einem deutschen Entwickler wurde meist eine nur halbfertige Aufgabenstellung “hingeworfen”, und fehlende Informationen mussten selbst besorgt werden. Für einen indischen Entwickler ist das, was vom Vorgesetzten kommt, aber nicht in Frage zu stellen, und so gibt es hier wie auch schon beim Wissenstransfer gar keine oder nur wenige Rückfragen. Das heißt, die Aufgabenstellung muss immer so konkret wie möglich formuliert sein.

Nur kein Stress:

Was man auf jeden Fall von den indischen Kollegen lernen kann, ist gelassen zu bleiben. Ob Zeitdruck, viel Arbeit oder nörgelnde Kollegen, einen Inder bringt eigentlich nichts aus der Ruhe. Wenn bei uns bei einem näher rückenden Termin häufig Panik ausbricht, macht uns meist die Gelassenheit der indischen Kollegen nur noch hektischer.

Fazit

So eine Zusammenarbeit sollte auf beiden Seiten gut vorbereitet werden, damit die verschiedenen Ansichten und Einstellungen nicht zu Frustrationen führen. Leider ist diese Vorbereitung auf jeden Fall auf deutscher Seite deutlich zu kurz gekommen. Durch gesammelte Erfahrung und eigene Recherchen zur interkulturellen Zusammenarbeit wurde so manches Missverständnis im Nachhinein erklärbar.

Als Ergebnis des vergangenen Jahres kam dann die Einsicht, über eine Reise nach Indien den persönlichen Kontakt intensiver herzustellen und damit die Zusammenarbeit zu erleichtern und zu verbessern. Die Erfahrung aus dieser Reise gibt es in einem der folgenden Blogbeiträge.

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